Papst Gregor I.

                    Kammermusik im Barock

                             Saltatio Mortis

 

Damals wie heute war Musik nicht gleich Musik. Es gab verschiedene Musikrichtungen, die man grob in kirchliche Musik, Musik für den Adel und Arme-Leute-Musik einteilen kann. Allerdings begann man bald, diese Stile zu vermischen. Das beste Beispiel dafür dürfte wohl Walther von der Vogelweide sein, der als erster "niedere Minne", d.h. Minnelieder mit weltlichen Themen, sang. Weltliche Themen zielten mehr auf Unterhaltung und die moralische Erziehung des einfachen Volkes, wie man es sonst nur bei armen, umherziehenden Spielleuten hörte. 

Man begann also sich vom Schubladendenken in der Musik (was wie viele andere Dinge von der Kirche mitverursacht wurde) zu lösen. 

Um diese Entwicklung leichter darzustellen, habe ich alles nach Epochen geordnet in kurze Blöcke gefasst:



Musik im Mittelalter (ca. Ende 600 - 1400): 

Man kann die Musik des Mittelalters in 3 Epochen unterteilen: Gregorianik, die Entwicklung mehrstimmiger Musik und der "Import" ausländischer Musikstile. 

Die Gregorianik (oder auch "Gregorianischer Choral") hatte seine Blüte ca. von 600 n.Chr. bis 1100. Im Mittelalter war der Choral fester Bestandteil in Messe und Stundengebet (Offizium). In der Messe gibt es sowohl feststehende als auch veränderliche Teile. Zum veränderlichen Teil (Proprium), der von Festtagen und dem Kirchenjahr abhängig ist, gehören die Gesänge Introitus, Graduale, Hallelujah, Tractus, Offertorium und Communio. Und zum feststehenden Teil (Ordinarium) Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. 

Seit der Liturgiereform 1962 (Erneuerung gottesdienstlicher Handlungen und Texte) hört man den Choral meist nur noch in Klöstern. 

Bedeutendste Person aus damaliger Zeit dürfte wohl Papst Gregor I. ( † 604 n.Chr.) gewesen sein, der die wichtigsten Stücke sammeln und ordnen ließ (daher auch "gregor-ianischer Choral"). In vielen Illustrationen ist er mit einer Taube abgebildet, die den Heiligen Geist darstellen und von der er die Melodien diktiert bekommen haben soll.

Es ist schier unmöglich, dass tausende Choralmelodien von einer einzigen Person stammen! Woher dann aber all diese bereits mit Neumen niedergeschriebenen Stücke kommen, ist nicht bekannt. Neumen haben ihren Ursprung in antiken Betonungszeichen, die als Interpretationshilfen über die Verse geschrieben wurden, und wurden zuerst im 9.Jht. (!) in Klöstern gebraucht. 

Im 11.Jht. treten dann die ersten zweistimmigen Kompositionen auf und bereits bestehende gregorianische Choral-Werke werden umgetextet. Nun wurden die Neumen auch erstmals in Notenlinien eingetragen, sodass die Anzahl der Töne und die Tonhöhen leichter abzulesen waren. Später (gegen Ende des 12.Jhts.) konnte man dann schließlich auch einfache Rhythmen festhalten. Doch auch diese Schrift ist für uns heute nicht exakt lesbar, sodass wir die genauen Melodieverläufe nur erahnen können. Hinzu kommt, dass die Anzahl der Quellen immer geringer wird, je weiter wir zurückschauen. Denn, wie eben erläutert, musste die Notenschrift erst entwickelt werden. Und es wurde genau überlegt, welche Lieder schriftlich festgehalten werden sollten, denn Schriftkundige wollten bezahlt werden... 

Mit Instrumentenfunden sieht es nicht besser aus. Es sind nur wenige alte Instrumente erhalten geblieben, durch welche wir den tatsächlichen Klang mittelalterlicher Musik wenigstens teilweise erschließen können. 
Über das Aussehen, die Aufführungssituationen und die Spielweisen geben uns zudem zahlreiche Ikonografien (Bildnisse, die die Wissenschaft zur Deutung antiker Kunst gebraucht) Auskunft. 

Im 13.Jht. war die Neumenschrift und die Polyphonie (Zusammenklingen mehrerer selbstständig geführter Melodien) bereits so bekannt, dass man nun auch Stücke aus anderen Musikrichtungen festhielt. In dieser Zeit entstand u.a. auch die wohl bekannteste Liedersammlung: die Carmina Burana (Nein, nicht Orff's Oper! Die kam später!).

Doch Musik wurde weiterhin als eine Wissenschaft betrachtet, die festen Regeln und Vorschriften folgen musste. Dazu zwei Zitate: 
"...denjenigen, der die Ordnung der Musik durchschaue, weit über denjenigen erhob, der sie nur spiele." (Bohetius, um das Jahr 500). 
"Denn wer etwas macht, von dem er nicht weiß, was es ist, wird Tier genannt." (Guido von Arezzo, im 11.Jht.). 

Man sollte sich außerdem nicht von der Instrumentenvielfalt heutiger Spielleute täuschen lassen! Zwar kamen die Musiker von damals viel in der (damals noch recht kleinen) Welt herum und verhalfen so zum Austausch anderskultureller Musik(-instrumente), jedoch werden heute auch Instrumente aus Ländern gespielt, die damals noch unbekannt waren und somit nichts in mittelalterlicher Musik zu suchen haben. 



Musik in der Renaissance (ca. 15. und 16.Jht): 

Die Renaissance ist eine sehr kurze (Kunst-)Epoche, die deshalb so bezeichnet wird, weil die Wiedergeburt der Antike eines der Ideale jener Zeit war. In dieser kurzen Zeit ist in Sachen Musik aber eine ganze Menge geschehen: 

Zum Ende des Mittelalters begann man, sich mit der Einteilung der Stimmen (Bass, Tenor, Alt, Sopran) und somit auch der Polyphonie zuzuwenden. In der Renaissance wird diese Entwicklung abgeschlossen. 

Man "erfand" das Madrigal (in der Regel 4-, 5- oder 6-stimmige Chorstücke), die A-Cappella Chormusik und die Mehrchörigkeit. Bei Letzterer wurde der Raum mit einbezogen, in dem Werke mit mindestens zwei Teil-Ensembles (Chöre) verteilt waren, die an verschiedenen Stellen des Raumes standen und teils abwechselnd aufeinander antworteten und so den ganzen Raum mit Klang erfüllten... Nun begann man auch, sich mehr der Instrumentalmusik zuzuwenden. Hierbei spielen die Tanzbücher von Pierre Attaignant, Pierre Phalèse, Tielmann Susato und Jacques Moderne eine große Rolle, die auch gleich gedruckt werden konnten, denn der Notendruck wurde auch mal nebenbei von einem gewissen Herrn dei Petrucci erfunden :-) 



Musik im Barock (ca. 1600 - 1750): 

In der Epoche Barock herrschte der Kunststil vor, der etwa um 1600 von Italien ausging und sich über ganz Europa verbreitete. Der Stilwandel äußerte sich musikalisch am auffälligsten darin, dass der Gesang nun vorwiegend Gefühle auszudrücken hatte, was vor allem in der Monodie (Einzelgesang mit spärlicher Instrumentalbegleitung) genutzt wurde. 

Auch in diesem Zeitrahmen (der auch oft als "Generalbasszeitalter" bezeichnet wird) kamen viele neue Stile in der Musik hinzu: 

Auf Musikgattungen der Renaissance aufbauend: 

- die Monodie. 

- der Generalbass (die tiefste Instrumentalstimme in Verbindung mit zum musikalischen Ablauf passenden Akkorden. Die Bassstimme wird mit Ziffern versehen, aus denen sich der über dem Basston zu spielende Akkord ableiten lässt. Diese Bezifferung wird auch oft von Komponisten zum skizzieren des harmonischen Verlaufs genutzt. Z.B. Franz Xaver Süßmayr [1766-1803], der Mozarts Requiem dank der bezifferten Bässe, die Mozart noch selber notiert hatte, vollenden konnte. Man kann den Generalbass auch mit einem E-Bass als Begleitung zu einer E-Gitarre vergleichen). 

Neu entstandene Gattungen: 

- das Concerto Grosso (das Konzertieren einer Solistengruppe - z.B. Violinen und Cello -, das "Concertino" genannt wird, und einem vollen Orchester, dem "Tutti" oder "Ripieno"). 

- die Sonate (ein mehrsätziges Instrumentalstück. Möglich sind Solosonate [1 Spieler], Duosonate [2 Spieler], Triosonate [3 Spieler] und Quartett [4 Spieler]). 

- die Passacaglia (spanischer Volkstanz. Etablierte sich in Frankreich und Italien als Bühnentanz). 

- das Menuett (dreiteilige Liedform und alter französischer Volkstanz. Seit dem 17.Jht. Hof- und Gesellschaftstanz. Sehr beliebt gewesen im 19.Jht). 

- die Chaconne (eng mit der Passacaglia verwandter spanischer Volkstanz). 

- das Solokonzert (Konzert, in dem ein vom Orchester begleitetes Soloinstrument im Mittelpunkt steht). 

- das Oratorium (die Vertonung einer geistlichen Handlung). 

- die Fuge (ein Instrumentalstück für mehrere Stimmen, die gleichberechtigt geführt werden und nachahmend einander folgend ein Thema in verschiedenster Weise variieren). 

- die Kantate (Vokalstücke). 

- die Ouverture (Eröffnungsstück vor etwas anderem, z.B. einem Bühnenstück). 

- die Suite (eine Abfolge von Tanzsätzen und später auch Bezeichnung für Auskopplungen von Instrumentalsätzen aus einer Oper und Abfolgen kleinerer Stücke). 

Außerdem entstanden im Barock die ersten Opern. Besonders erwähnen sollte man hier Claudio Monteverdi (1567-1643), der die Musik des Barocks entscheidend markiert. Ihm sind viele der neuen Musikgattungen zu verdanken. 

Der große Instrumentenreichtum der Renaissance schwand und man konzentrierte sich auf einige wenige Instrumente. Besonders beliebt waren (Barock-)Violine und Traversflöte. Das Orchester wurde standardisiert und ist deshalb unserem heutigen Orchesteraufbau sehr ähnlich. Auch die Instrumente selber erfuhren Weiterentwicklungen, denn nun löste sich die Instrumental- von der Vokalmusik und der Klang eines Instrumentes sollte sich deutlich vom menschlichen Gesang unterscheiden. Bei Tasteninstrumenten wurden die Register erweitert und auch sonst wurde ein größeres Klangspektrum für die höheren Anforderungen an Virtuosität erarbeitet. 

Zwar sehen barocke Instrumente unseren Heutigen sehr ähnlich, doch sie klingen ganz anders, denn damals war einfach ein anderer Klang modern als heute. 

So, wie viele Menschen heute Klassik (ca.1770-1820) als alt und unmodern betrachten, so empfanden die Menschen der Klassik damals die Musik des Barock. Was sich noch heute stark darin aufmerksam macht, dass zwar fast jeder Mozart (1756-1791) und Beethoven (1770-1827), aber kaum einer Alessandro Scarlatti (1660-1725) oder Christoph Willibald Ritter von Gluck (1714-1787) kennt... 

Erst im Verlauf des 19.Jhts. begann man sich wieder für barocke Musik zu interessieren (das Interesse an der Musik aus der Renaissance und dem Mittelalter kam erst später...). Hauptgrund dafür war wohl die Wiederentdeckung der Werke Bachs - vor allem die Wiederaufführung seiner Matthäuspassion 1829 durch den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). 

Es sind zwar bereits viele Werke anderer Komponisten gefunden worden, die auch aus den letzten Jahren des Barocks stammen, trotzdem gilt Bach als Vollender dieser Epoche, was wohl an seiner großen Popularität liegt. Zu Lebzeiten war Bach übrigens als Komponist kaum außerhalb Sachsens und Thüringens bekannt... 



Alte Musik heute: 

Mit der Wiederentdeckung von Bachs Œuvre (künstlerisches Gesamtwerk), begann man sich wieder für die "Meister des Barock" zu interessieren. Aber was ist mit der Musik, die vor dem Barock entstand? Ist sie einfach in Vergessenheit geraten? Ganz und gar nicht! Bereits Anfang des 20.Jhts. setzten sich einige Musiker dafür ein, dass man Alte Musik nicht einfach mit heutigen Instrumenten interpretieren und verändern, sondern ganz historisch aufführen sollte. Das Interesse für historische Aufführungspraxis mit Nachbauten alter Musikinstrumente war geweckt und erreichte seinen Höhepunkt in den 1970er-Jahren, als Folkmusik populär wurde. Der Boom hielt aber auch nur für dieses Jahrzehnt. In den 90ern machten dann Bands wie In Extremo und Corvus Corax auf sich aufmerksam, die Alte Musik (hier konzentrierte man sich auf Spielmannsmusik) mit Rock-Elementen vereinten. Es folgten viele weitere Bands, die diesen Musikstil annahmen, so z.B. Cultus Ferox, Schandmaul und Saltatio Mortis. Bis heute hat das Interesse an neu interpretierte Alte Musik nicht abgenommen. Diese hat sich mittlerweile fest in die Gothic-Szene etabliert und ist dort nicht mehr wegzudenken. Auch von Fantasyfans und Rollenspielern wird diese Musik gerne gehört. 

Während die ersten Mittelaltermärkte kaum Interesse erzeugten und gerade mal von Familien auf Sonntagsausflügen besucht wurden, trifft man dort heute vermehrt auf ganz in Schwarz gekleidete Leute, Magier, und seit dem Herr-der-Ringe-Boom auch immer öfter auf Elben. Diese Märkte wurden zu so etwas wie Szene-Treffpunkte.  

Die Ausübung authentischer Alter Musik ist im wesentlichen ein vorbehaltener Bereich für spezialisierte Musiker, die sich eine Menge Fachwissen über Musikgeschichte, Stimmungssysteme und Spielweisen erarbeitet haben. Moderne Alte Musik ist oft dudelsackorientierte Rockmusik, die sich nur lose an der tatsächlichen Musik des Mittelalters orientiert. Für Außenstehende klingt Folkrock oft mittelalterlich, er ist jedoch meist nur auf ein romantisiertes Bild damaliger Zeit aufgebaut, das durch Filme und Märchen unterstützt wird. Auch ohne die heute von modernen Spielmannsgruppen verwendeten elektronischen Instrumente, besitzen sie immer noch eine Instrumentenvielfalt, die damals gar nicht möglich gewesen wäre, obwohl schon im Mittelalter Spielmänner richtige Multiinstrumentalisten waren. 

So hat es letzten Endes doch auch eigentlich etwas Positives an sich, dass der genaue Klang mittelalterlicher Musik nicht überliefert wurde. Wahrscheinlich wären sonst gar nicht so viele verschiedene, interessante Musikstile entwickelt worden!