Liederhandschrift mit Neumen

 

Die wohl bekannteste Liedersammlung ist die Carmina Burana ("Beurische Lieder" oder "Lieder aus Benediktbeuren/-beuern). 1803 wurde sie von Johann Christoph von Aretin im Kloster zu Benediktbeuren wiederentdeckt und nach München in die heutige Bayerische Staatsbibliothek gebracht, wo sie sich bis heute befindet. Zwar ist Benediktbeuren der Fundort, doch der Entstehungsort der Carmina wird in der Steiermark oder in Tirol vermutet, wo sie wahrscheinlich von Mönchen zusammengetragen und niedergeschrieben wurden. Wie das Werk später nach Benediktbeuren kam ist unklar, ebenso die ursprünglichen Auftraggeber der Sammlung. 

Die Entstehungszeit lässt sich auf etwa 1230 datieren. Die über 240 Lieder jedoch stammen zum Teil aus dem 12.Jht. und aus verschiedenen Ländern Europas, u.a. aus Frankreich, Italien, Deutschland und England. Die meisten Texte sind auf Latein verfasst, der Sprache der Gebildeten und universelles Verständigungsmittel im mittelalterlichen Europa; es finden sich aber auch altfranzösische und mittelhochdeutsche Passagen darunter, die vom wachsenden Einfluss der Landessprachen auf die Literatur zeugen. Johann Andreas Schmeller ließ sie 1847 als erster als "Carmina Burana - Lieder aus Benediktbeuern" drucken und herausgeben. 

Inhaltlich sind die Carmina in 4 Abschnitte unterteilt: Satirisch-moralische Texte, Liebeslieder, Trink- und Spielerlieder und geistliche Dramen. Politische Stellungnahme und kritische Meinungsäußerung sind also nicht eine Erfindung der Neuzeit, sondern hatten bereits im Mittelalter einen Platz in Literatur und Dichtung. Dem damaligen Glaubens- und Weltbild entsprechend prangern die Dichter aber nie die Kirche als solche an, sondern nur ihre vom rechten Weg abschweifenden Vertreter. Die Minne- oder Liebeslyrik nimmt in der Carmina einen großen Raum ein, und im Gegensatz zur höfischen Minne ist sie streckenweise durchaus weltlichen und handfesten Genüssen zugeneigt, ebenso wie die Trink- und Spielerlieder. Völlerei, körperliche Liebe - manchmal auch gegen den Willen der besungenen Dame - und zügelloses Spiel um Geld. 

Doch wie auch bei anderen Liedersammlungen des Mittelalters bleiben die Urheber der Lieder weitgehend anonym; lediglich einige Dichter wie Walther von Châtillon oder Hugo von Orléans sind als Autoren angegeben. 

Bei einem Teil der Lieder sind auch Notierungen der Melodien angegeben, allerdings in Form von linienlosen Neumen (aus Strichen und Punkten bestehenden ältesten Notenzeichen des Mittelalters. Sie entwickelten sich aus Handbewegungen, mit denen den Chorsängern der Melodieverlauf in Erinnerung gerufen werden konnte). Neumen geben nur den ungefähren Melodieverlauf an, machen aber keine Aussage über Grundton und Rhythmus. Eine Rekonstruktion der exakten Melodie ist also schwierig und erfolgt vor allem anhand anderer Handschriften. 

1935 entdeckte Carl Orff die Carmina Burana für sich und vertonte 24 dieser Texte in den Jahren 1935/1936. Es handelt sich dabei um eine völlige Neukomposition, zumal zur Entstehungszeit von Orffs Werk noch keine der originalen mittelalterlichen Melodien rekonstruiert war. Am 8. Juni 1937 wurde sein Werk in der Oper zu Frankfurt am Main uraufgeführt. 

An eine Neuinterpretation der Carmina Burana haben sich 2005 die Musiker von Corvus Corax herangewagt. Mit Hilfe eines Sinfonieorchesters und eines Chores wurden 12 Stücke der Carmina mit vollständig neuen Melodien vertont. Weitere Interpretationen einzelner Texte der Carmina, die die mittelalterliche Lyrik mit modernen elektronischen Melodien oder Rock-Elementen verbinden, findet man u.a. bei In Extremo, Saltatio Mortis, Cultus Ferox, Ougenweide, Qntal, Helium Vola, ... 

Die zweite Liedersammlung von großer Bedeutung sind die Cantigas de Santa Maria, die im 13.Jht. zusammengetragen wurden. Auftraggeber für dieses Werk ist Alfonso X. mit dem Beinamen "El Sabio" (der Weise), der 1252 zum König von Kastillien gekrönt wurde. 

Der Entstehungszeitraum der Cantigas datiert zw. 1250 und 1280, und sie umfassen über 400 in Versform geschriebene Marienlieder in galizischer Sprache, die Ausdruck des Marienkults der Zeit sind. Bemerkenswert ist die große Anzahl kunstvoller Miniaturen (Bilder), die die Lieder illustrieren. Sie zeigen Tänzer und Musikanten der verschiedenen Kulturen, die an Alfonsos Hof weilten und legen die Annahme nahe, dass es nicht nur Christen waren, die sich für die Lieder der Cantigas verantwortlich zeichnen. Diese Miniaturen sind eine unschätzbare Informationsquelle im Hinblick auf das Aussehen mittelalterlicher Instrumente. Mehr als 30 verschiedene Instrumente sind in ihnen dargestellt, darunter verschiedene Fideln, Sackpfeifen, Drehleiern, Lauten und Platerspiele. Zwar können die Abbildungen der Cantigas keine Aussage über den inneren Aufbau oder den Klang der Instrumente machen, allein jedoch diese Miniaturen vermitteln einen Eindruck davon, wie differenziert die mittelalterliche Klangwelt gewesen sein muss; und die klangliche Vielfalt der Instrumente nach mittelalterlichem Vorbild macht auch heute noch den besonderen Reiz dieser Musik aus. 

Im Gegensatz zu den Carmina Burana sind die Melodien der Cantigas de Santa Maria erhalten geblieben, und die Einflüsse arabischer Musik sind in Melodieführung und Instrumentierung unverkennbar. 

Mehrere Aufzeichnungen der Cantigas existieren noch, darunter ein Prachtband mit zahlreichen Illustrationen. Bei dem 10. Lied handelt es sich um einen Dankesgesang an Maria, die "Cantigas de Loor", während die restlichen Lieder, die "Cantigas de Miragres", in legendenhafter Form von den Wundertaten der Heiligen Jungfrau erzählen. Und es sind Letztere, die als Balladen beim Volk den größten Anklang gefunden haben dürften, waren es doch eben solche überlieferten Wundertaten, die den mittelalterlichen Menschen in seinem Glauben bestätigen. 

Und dann gibt es da noch die Große Heidelberger Liederhandschrift, oder auch Codex Manesse genannt, die nach ihrem heutigen Aufbewahrungsort in der Universitätsbibliothek von Heidelberg benannt ist. In der Handschrift schildert der Dichter Johannes Hadlaub die Zürcher Herren Rüdiger und Johannes Manesse als große Sammler von Liederbüchern. Aus dieser Beschreibung schließt im 18.Jht. der schweizer Gelehrte und Professor Johannes Jakob Bodner, dass die Herren Manesse die Auftraggeber der Liedersammlung gewesen seien. 

Der Codex Manesse ist eine einzigartige Sammlung mittelalterlicher Dichtkunst, die u.a. Werke von Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach beinhaltet. Auf 426 Pergamentblättern (= 852 Seiten) enthält der Codex fast 6000 Strophen von 140 Dichtern. Bekannt geworden ist die Handschrift vor allem durch die Autorenbilder, die den Texten des jeweiligen Autors vorangestellt und der Reihenfolge ihrem gesellschaftlichen Stand nach geordnet sind; so folgen auf dichtende Könige, Herzöge, Grafen und ritterliche Herren die bürgerlichen Meister und zuletzt titellose Sänger und Spielleute. 137 Sängern ist eine ganzseitige Miniatur gewidmet. Diese Bilder sind unzählige Male reproduziert worden und haben wie keine anderen die heutige Vorstellung vom Mittelalter und dem höfisch-adeligen Leben der Stauferzeit (ca. 1138-1268) geprägt. 

Die Manesse-Handschrift enthält jedoch lediglich die Texte, aber keine Notationen, die einen Rückschluss auf die Melodien zulassen. Auch die Kleine Heidelberger Liederhandschrift und die Weingartner Handschrift, in denen teilweise die gleichen Autoren wie in der Manesse-Handschrift vertreten sind, enthalten keine Aufzeichnungen von Noten oder Melodien. Um diese zu rekonstruieren, ist man auf andere Quellen angewiesen. Im deutschsprachigen Raum ist dies vor allem die Jenaer (Mitte 14.Jht.) und die Kolmarer Liederhandschrift (um 1460), die neben Texten auch die dazugehörigen Melodien überliefert haben. Die Kolmarer enthält sogar rund 900 Liedertexte und 105 Melodien von Meistergesängen, obwohl deren Publikation eigentlich unerwünscht war. Des Weiteren sind noch die Würzburger Handschrift (geschrieben um 1350 in Würzburg. Hausbuch des Kanzlers Michael de Leone) und die Wiener Leichhandschrift bekannt.