Der Drehleierbauer Helmut Gotschy sagte einmal, dass die Drehleier (auch "Radleier", oder engl. "Hurdy Gurdy") wohl das höchste entwickelte Musikinstrument des Mittelalters ist. Das mag man gerne glauben, wenn man sich das Instrument mal etwas genauer anschaut. Man kann sie wegen ihrer Vielseitigkeit noch nicht einmal einer bestimmten Instrumentengruppe zuordnen, denn die Drehleier ist sowohl ein Saiten-, Melodie- und Bordun-, als auch ein Rhythmusinstrument.
Mittels eines eingebauten Holzrades, das durch eine Kurbel in Bewegung gesetzt wird, werden die Saiten angestrichen.
Die Drehleier verfügt über mehrere Saiten. Sie hat 2 bis 4 Bordunsaiten. Diese spielen immer nur den selben Ton, was man auch von Dudelsäcken her kennt (Begleitung). 1 bis 3 Melodiesaiten, die durch das Betätigen von Tasten verkürzt werden (Melodie), und 1 bis 3 Schnarrsaiten. Letztere verlaufen über einen Schnarrsteg, der bei schnellem Drehen der Kurbel in Vibration versetzt wird und auf das unter ihm liegende Holz schlägt. So entsteht ein Schnarrlaut (Rhythmus). Die Kurbel wird stets mit der rechten Hand und die Tastatur mit der linken Hand bedient.
Bekannt ist sie uns etwa seit dem 10.Jht.. Sie wurde im Mittelalter hoch geschätzt, obwohl sie vorwiegend von Spielleuten und anderen armen Musikern gespielt wurde. Danach ebbte das Interesse ziemlich ab, bis sie im 18.Jht. am französischen Hofe eine zweite Blüte erlebte. In Frankreich, sowie in Ungarn, gilt sie auch heute noch als beliebtes Volksinstrument, während sie in vielen anderen Ländern von anderen Instrumenten verdrängt wurde und fast in Vergessenheit geraten ist.
Eine allgemeine Standardisierung der Bauform ist auch heute nicht feststellbar. Man kann jedoch einige Typen eingrenzen:
Das "Organistrum": Sie ist die älteste Form der Drehleier und wurde hauptsächlich in der Kirchenmusik verwendet. Sie war so groß, dass sie von 2 Spielern bedient werden musste, wobei der eine die Saiten verkürzte und der andere die Kurbel bediente. Leider ist kein einziges Organistrum aus damaliger Zeit erhalten geblieben. Man kennt sie lediglich von Abbildungen und Plastiken. Über den Mechanismus und die Stimmung des Instruments lassen sich nur Vermutungen anstellen. Genau wie bei der "Kastenleier", bei der nur die Kurbel und die Tastatur vom länglichen, kistenförmigen Korpus vorstehen.
Die Bauart des Korpus passte sich immer mehr dem Gebrauch in der dörflichen Musik an und wurde somit robuster. Außerdem schrumpfte sie auf eine handliche Größe zusammen. Diese Bauform gleicht der Heutigen.
Die "Gotische Drehleier": Sie hat einen Korpus aus Spänen (ähnlich der Laute), welcher einen feineren Klang als seine Vorläufer hervorbrachte und von französischen Instrumentenbauern gebaut wurde. Genaue Nachbauten entstanden nach Abbildungen wie z.B. dem Bild "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch. Es wurden aber auch Drehleiern mit gitarrenförmigem Korpus gebaut.
Des Weiteren gibt es die ungarische "Tekerö", bei der alle Saiten innerhalb des Tangentenkastens, der die Tastatur aufnimmt, befinden, und das Schnarrsystem mit einem Keil justiert wird. In Osteuropa, (Weiß-)Russland und der Ukraine findet man außerdem noch die "Lira". Diese hat einen geigenförmigen Korpus, oft ein sehr kleines Rad und eine besondere Tastatur mit Knöpfen.
Heutzutage gibt es Drehleiern, die durch Tonabnehmer, Vorverstärker, Kapodastersysteme und vieles mehr der modernen Musik angepasst wurden (z.B. die "Alpha Novello" von H. Gotschy). Die Spielmannsgruppe Corvus Corax dürfte mit einer 1.80m langen Drehleier wohl die größte der Welt gebaut haben!